Unsere Kinderwunschreise
Alltag im Ausnahmezustand - Wie der Kinderwunsch unser Leben und unsere Beziehung verändert hat
Der Kinderwunsch war bei uns irgendwann nicht mehr nur ein Gedanke an die Zukunft, sondern etwas, das ganz selbstverständlich zum Alltag dazugehört hat. Er war morgens beim Aufstehen da, im Hinterkopf während der Arbeit, in Gesprächen mit anderen und in Momenten, die eigentlich leicht hätten sein sollen. Vieles habe ich plötzlich anders wahrgenommen, vieles hat sich schwerer angefühlt als früher.
In diesem Beitrag erzähle ich ehrlich davon, wie sich der Kinderwunsch in unser Leben geschlichen hat, wie er unseren Alltag beeinflusst und verändert hat und was diese Zeit mit uns als Paar gemacht hat. Ohne Beschönigung, aber auch ohne etwas auszusparen. Es geht um Zweifel, um Rückzug, um das Gefühl, oft allein zu sein - aber auch um Zusammenhalt, Nähe und die Art, wie wir gelernt haben, gemeinsam mit dieser Situation umzugehen.



Alltag im Ausnahmezustand - Wie der Kinderwunsch unser Leben und unsere Beziehung verändert hat
Der Kinderwunsch war bei uns nie ein einzelner Moment, sondern etwas, das uns schon sehr früh begleitet hat. Immer mal wieder Thema, immer mal wieder ein Gedanke, ein gemeinsamer Traum, lange bevor er ernst wurde. Richtig bewusst wurde es im Sommerurlaub 2022, als wir zum ersten Mal konkret darüber gesprochen haben, wann ich die Pille absetzen werde. Ab diesem Moment hatte alles ein anderes Gewicht. Es war keine Idee mehr, sondern eine Entscheidung. Ich war unglaublich aufgeregt und hätte am liebsten sofort angefangen, weil der Wunsch nach einem eigenen Kind schon immer tief in mir verankert war. Ich war immer überzeugt davon, dass ich Mama werden möchte, dass das zu mir gehört. Ich wollte ein Kind aufwachsen sehen, es begleiten, mit meinem Mann eine Familie sein, all die Dinge erleben, die man sich vorstellt, wenn man an Familie denkt – Kindergeburtstage, Ausflüge, Kuscheln, Nähe, einfach Mama sein. Für mich war immer klar, dass ein Kind uns vervollständigen würde.
Wenn der Wunsch überall auftaucht
Irgendwann hat sich dieser Traum verändert. Der Kinderwunsch war plötzlich überall. In meinem Kopf, in meinem Alltag, in Situationen, die früher völlig normal waren. Ich habe nur noch Schwangere gesehen, überall Kinderwagen, und jedes Mal hat es sich angefühlt wie ein Schlag in die Magengrube. Im Kindergarten wurde ich täglich mit genau dem konfrontiert, was ich mir selbst so sehr gewünscht habe. Der Kinderwunsch fühlte sich nicht mehr nach Vorfreude an, sondern nach etwas Schwerem, nach Bauchschmerzen statt Kribbeln. Wir haben angefangen, unseren Alltag danach auszurichten, haben überlegt, welche Orte wir meiden, wo das Thema präsent sein könnte, welche Situationen wir gerade nicht aushalten. Auch Menschen haben wir bewusst gemieden, nicht aus Desinteresse, sondern aus Selbstschutz, auch wenn mich dieser Rückzug oft zusätzlich belastet hat.
Unsere Hochzeit und das, was gefehlt hat
Selbst schöne Ereignisse waren davon nicht frei. Unsere Hochzeit war ein wunderschöner Tag, aber auch begleitet von einem stillen Schmerz. Ich hatte immer davon geträumt, schwanger zu heiraten, und beim Aussuchen meines Brautkleides habe ich ganz selbstverständlich gesagt, dass es eins sein muss, das man ändern kann, weil ich fest davon ausgegangen bin, bis zur Hochzeit schwanger zu sein. Als das nicht so kam, wurden die Fragen lauter. Warum funktioniert es nicht? Soll es einfach nicht sein? Stimmt etwas mit mir nicht? Ich hatte das Gefühl, dass alle – und auch ich selbst – davon ausgegangen sind, dass es jetzt einfach passiert: jung, verheiratet, Kinderwunsch, also wird man schwanger. Dieser Gedanke hat einen enormen Druck aufgebaut. Die Unsicherheit wurde immer größer, die Angst, dass es vielleicht nicht nur eine Kleinigkeit ist, sondern etwas Grundlegenderes, das uns im Weg steht.
Was, wenn es nie passiert?
Mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, vielleicht nie schwanger zu werden, obwohl ich immer gesagt habe, dass meine Lebensaufgabe eine Familie ist, hat mir große Angst gemacht. So groß, dass ich früh angefangen habe, mich mit Alternativen zu beschäftigen, über Adoption nachzudenken, sogar einen Termin beim Jugendamt zu vereinbaren, nicht aus Resignation, sondern aus dem Versuch heraus, irgendeine Form von Kontrolle zurückzugewinnen. Parallel dazu wurde meine Gefühlswelt immer komplexer. Neben der Traurigkeit war da viel Wut. Wut, wenn ich gesehen habe, dass Menschen Kinder bekommen, obwohl sie rauchen, trinken oder ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln. Wut darüber, dass es bei anderen scheinbar mühelos funktioniert. Und gleichzeitig Schuldgefühle für genau diese Gedanken. Ich war oft sauer auf mich, auf meinen Körper, hatte Angst, nie Mama zu werden, Angst, dass dieses Thema irgendwann unsere Beziehung belastet, Angst, dass ich diesen Schmerz nicht mehr aushalten kann.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist unsere Beziehung in dieser Zeit enger geworden. Wir haben schon immer offen miteinander gesprochen, und diese Offenheit hat uns getragen. Diese gemeinsame Ohnmacht auszuhalten, hat uns zusammengeschweißt. Wir haben zusammen geweint, uns gegenseitig gehalten und versucht, dem anderen Hoffnung zu geben, auch wenn wir selbst manchmal kaum welche gespürt haben. Es war nicht immer einfach, vor allem weil ich die körperlichen Erinnerungen jeden Monat gespürt habe. Diese zusätzliche Belastung hat Wut ausgelöst, die ich manchmal an meinem Mann ausgelassen habe, obwohl er nichts dafür konnte. Für ihn war vieles schwer greifbar, weil er es nicht selbst gespürt hat und „nur“ mit der Nachricht umgehen musste, dass es wieder nicht geklappt hat. Gerade deshalb waren offene Gespräche und gegenseitiges Verständnis so wichtig. Unsere Beziehung hat sich verändert, ist tiefer geworden, auch weil wir uns oft erklären und für unseren Wunsch einstehen mussten und nach jedem Rückschlag gemeinsam wieder die Kraft gefunden haben weiterzumachen.
Wenn der Kalender plötzlich mitentscheidet
Auch ganz praktisch hat sich vieles verändert. Nähe war plötzlich planbar, der Kalender wusste sehr genau, wann sie besonders sinnvoll wäre. Spontanität wurde durch Planung ersetzt, und manchmal fühlte sich das Ganze mehr nach Funktionieren als nach Gefühl an. Mein Verhältnis zu meinem Körper hat in dieser Zeit stark gelitten. Ich wurde sehr selbstkritisch, hatte das Gefühl, alle anderen schaffen das – nur ich nicht. Ich habe gelesen, recherchiert, versucht alles richtig zu machen, Vitamine zu nehmen, nichts falsch zu machen, und hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Gefühl hatte, nicht perfekt zu sein. Besonders belastend war das Thema Stress, weil überall stand, Stress habe einen negativen Einfluss auf den Kinderwunsch, obwohl genau dieser Wunsch automatisch Stress erzeugt. Die gut gemeinten Ratschläge aus dem Umfeld, ich solle mich einfach nicht stressen, haben alles nur schwerer gemacht.
Ein Körper, dem ich nicht mehr vertraut habe
Die Periode war jedes Mal ein Zusammenbruch. Sie hat mich monatlich daran erinnert, dass es wieder nicht geklappt hat. Viele Tränen, viel Wut. Ich habe keine Tampons mehr gekauft, weil meine Hoffnung so groß war, dass ich sie nicht brauchen würde, und musste sie dann doch jedes Mal wieder kaufen. Diese kleinen Dinge waren oft das Schwerste. Auf der Arbeit konnte ich darüber nicht offen sprechen, war mit meinen Ängsten, meiner Wut und meiner Enttäuschung oft allein. Schwangerschaften im Umfeld haben mich traurig gemacht, und gleichzeitig habe ich mich dafür verurteilt, dass ich mich nicht einfach mitfreuen konnte. Meine Trauer ist oft auf Unverständnis gestoßen, Sätze wie „Bei euch klappt das auch noch“ waren gut gemeint, haben aber wehgetan. Deshalb haben wir das Thema Kinderwunsch im Umfeld häufig gemieden, weil ich diese Ratschläge nicht mehr hören konnte und mich nicht ständig für meine Gefühle erklären wollte. Die einzige Person, die mich wirklich verstanden hat, war mein Mann, und gemeinsam haben wir uns durch diese Zeit gekämpft.
Rückblickend hat diese Phase viel mit mir gemacht. Ich habe gemerkt, wie meine Lebensfreude weniger wurde, weil sich alles um dieses eine Thema gedreht hat und der Kinderwunsch unseren Alltag bestimmt hat. Seit dem Moment, in dem wir in die Kinderwunschpraxis gegangen sind, hat sich aber etwas verändert. Die Hoffnung kam zurück, ich habe mir selbst wieder mehr vertraut, die Zweifel wurden leiser und die Gedanken an die Zukunft wieder klarer. Selbst als der erste Versuch nicht funktioniert hat, war die Trauer da, aber diese komplette Hoffnungslosigkeit kam nicht mehr zurück. Wir wussten, dann eben beim nächsten Mal. Ich habe aufgehört, mich mit allem verrückt zu machen, und wieder angefangen, auf mich zu vertrauen.
Was ich mir früher selbst gerne gesagt hätte
Wenn ich heute etwas weitergeben möchte, dann das: Holt euch Unterstützung, wenn ihr merkt, dass es nicht einfach klappt. Diese Begleitung ist eine enorme Entlastung, weil man nicht mehr allein mit all den Gedanken, Ängsten und Sorgen ist. Gleichzeitig würde ich sehr bewusst wählen, mit wem man diesen Weg teilt, weil es noch immer viele Vorurteile rund um Kinderwunschbehandlungen gibt und viel zu wenig Aufklärung. Ich selbst bin nur darauf aufmerksam geworden, weil jemand ihren Weg offen geteilt hat. Und ich würde heute nicht mehr ein Jahr warten, bevor Untersuchungen gemacht werden, weil ein Jahr Kinderwunsch unglaublich belastend sein kann. Es gibt viele Möglichkeiten der Abklärung für beide Partner, man muss nicht erst zwölf Monate leiden. Und egal, wie euer Weg aussieht: Verliert das Vertrauen in euch selbst nicht - ihr seid stärker als ihr denkt!