Mehr als nur eine Phase




Was ich meinem jüngeren Ich mitgeben würde

Mehr als nur eine Phase

Hier geht es um den Beginn einer Geschichte, die nicht erst mit einer Therapie begonnen hat, sondern viel früher. Mit kleinen Gedanken, Unsicherheiten und Gefühlen, die über Jahre immer größer geworden sind. Es geht um meine Erfahrungen, die mich bis heute begleiten, um Dinge, die ich damals nicht verstanden habe und die ich heute ganz anders einordnen kann.

 

Aber auch um die Erkenntnis, wie wichtig es ist, Menschen ernst zu nehmen, bevor auch einer Belastung eine Krise wird. Denn manches ist eben viel mehr als nur eine Phase.

 

Was ich meinem jüngeren Ich mitgeben würde

Mehr als nur eine Phase

Wenn das eigene Kind leidet – und wenn man selbst Hilfe braucht

Nach meinem ersten Beitrag über mentale Gesundheit habe ich lange darüber nachgedacht, worüber ich als Nächstes schreiben möchte. Immer wieder kam dabei dieselbe Frage in mir auf:

Was hätte ich mir damals gewünscht?

Was hätte mir geholfen, als es mir nicht gut ging? Was hätte ich Erwachsenen geraten, die gemerkt haben, dass etwas nicht stimmt? Und was würde ich heute Menschen empfehlen, die selbst gerade an einem Punkt stehen, an dem sie nicht mehr weiterwissen?

Natürlich gibt es auf diese Fragen keine allgemeingültigen Antworten. Jeder Mensch ist anders und jede Geschichte ist anders. Trotzdem gibt es Dinge, die ich heute mit meinem Wissen, meinen Erfahrungen und meinem Blick auf das Gesundheitssystem anders sehe als damals.

Wenn es dem eigenen Kind nicht gut geht

Seit ich den ersten Beitrag dieser Blogreihe veröffentlicht habe, denke ich immer wieder darüber nach, was ich mir damals eigentlich gewünscht hätte. Nicht unbedingt die perfekte Lösung. Nicht jemanden, der sofort alles richtig macht. 

Ich glaube, ich hätte mir vor allem gewünscht, dass jemand erkennt, wie schlecht es mir wirklich ging.
 

Die ersten Anzeichen 

Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich, dass sich die ersten Anzeichen meiner Essstörung bereits mit etwa neun Jahren gezeigt haben. Bis ich mit 15 oder 16 Jahren das erste Mal in Therapie war, vergingen viele Jahre.

Viele Jahre, in denen bestimmte Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen für mich einfach normal geworden waren. Und vielleicht ist genau das das Gefährliche daran. Psychische Belastungen kommen oft nicht von heute auf morgen. Sie schleichen sich langsam ins Leben. So langsam, dass man irgendwann gar nicht mehr merkt, wie sehr sie den eigenen Alltag bestimmen.


Wenn man beginnt, an sich selbst zu zweifeln

Ich erinnere mich noch gut daran, wie oft ich geweint habe. Wie häufig ich gehört habe, ich sei zu empfindlich. Wie genervt manche Menschen davon waren, dass ich immer wieder traurig war.

Und ich erinnere mich an einen Satz, den ich nie vergessen habe:

„Das ist nur eine Phase jugendlicher Dummheit.“ Heute weiß ich, dass dieser Satz wahrscheinlich nicht böse gemeint war. Aber als Jugendliche habe ich ihn geglaubt.

Ich habe wirklich gedacht, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dass ich mich einfach zusammenreißen müsste. Dass andere Menschen recht haben und ich vielleicht einfach nur zu empfindlich bin.

Wenn ich heute darüber nachdenke, macht mich das traurig. Nicht, weil ich jemandem Vorwürfe machen möchte. Sondern weil ich weiß, dass viele Kinder und Jugendliche genau das erleben. Sie merken, dass etwas nicht stimmt. Sie leiden. Sie fühlen sich anders. Aber gleichzeitig hören sie immer wieder, dass alles nicht so schlimm sei oder schon wieder vorbeigehen werde.

Dabei kann niemand von außen entscheiden, wie groß der Schmerz eines anderen Menschen ist. Man selbst ist die einzige Person, die wirklich spüren kann, wie es einem geht.

 

Kinder ernst nehmen 

Deshalb glaube ich heute, dass wir Kinder viel ernster nehmen müssen. Wenn ein Kind plötzlich stiller wird. Wenn es sich zurückzieht. Wenn es ständig traurig wirkt. Wenn sich das Essverhalten verändert. Wenn Ängste immer mehr Raum einnehmen.

Nicht, weil hinter jeder Veränderung sofort eine psychische Erkrankung steckt. Sondern weil Kinder das Recht haben, dass jemand hinschaut, nachfragt, zuhört und sagt: „Ich sehe, dass es dir gerade nicht gut geht.“

Vielleicht hätte ich damals nicht sofort eine Therapie gebraucht. Vielleicht hätte ich nicht sofort Antworten auf alles gebraucht. Aber ich glaube, es hätte einen Unterschied gemacht, wenn ich früher das Gefühl gehabt hätte, mit meinen Gedanken und Gefühlen wirklich ernst genommen zu werden.

Denn manchmal beginnt Hilfe nicht erst bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten. Manchmal beginnt sie genau in diesem Moment.

 

Wenn Hilfe am System scheitert

Leider ist selbst dieser nächste Schritt oft nicht so einfach, wie er sein sollte.

Wenn ich heute zurückblicke, denke ich nicht nur an meine eigenen Erfahrungen, sondern auch an die Hilflosigkeit der Erwachsenen um mich herum. Meine Mutter hat damals unzählige Psychologinnen und Psychologen angerufen. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder. Und trotzdem gab es kaum freie Plätze.

Das ist etwas, das mich bis heute beschäftigt.

Wir sprechen inzwischen deutlich offener über mentale Gesundheit als noch vor einigen Jahren. Menschen werden ermutigt, sich Hilfe zu holen, über ihre Gefühle zu sprechen und Unterstützung anzunehmen.

Aber was passiert, wenn man genau das tut?

Was passiert, wenn Eltern merken, dass ihr Kind leidet? Oder wenn Erwachsene selbst den Mut aufbringen und sagen: „Ich brauche Hilfe“?

Viel zu oft stoßen sie auf Wartelisten, Absagen und monatelange Wartezeiten. Ich möchte damit niemandem einen Vorwurf machen. Ganz sicher nicht den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten und jeden Tag ihr Bestes geben.

Aber ich finde, wir müssen darüber sprechen, dass unser Gesundheitssystem an dieser Stelle an seine Grenzen stößt. Psychische Gesundheit sollte nicht weniger wichtig sein als körperliche Gesundheit. Wenn sich jemand ein Bein bricht, würde niemand erwarten, dass diese Person erst ein halbes Jahr auf eine Behandlung wartet. Bei psychischen Erkrankungen scheint das jedoch häufig akzeptiert zu sein.

Dabei können gerade Kinder, Jugendliche und Menschen in Krisen oft nicht monatelang warten. Deshalb wünsche ich mir nicht nur mehr Offenheit für psychische Gesundheit, sondern auch bessere Möglichkeiten, tatsächlich Hilfe zu bekommen. Denn der Mut, Unterstützung zu suchen, sollte niemals daran scheitern, dass keine Unterstützung verfügbar ist.

 

Was Eltern konkret tun können

Vielleicht fragst du dich jetzt, worauf man eigentlich achten sollte.

Ich glaube, dass Eltern ihrem Gefühl vertrauen dürfen. Oft merkt man, dass etwas anders ist, lange bevor man genau benennen kann, was eigentlich los ist. Veränderungen im Verhalten, sozialer Rückzug, häufiges Weinen, starke Ängste, Schlafprobleme oder auffällige Veränderungen beim Essen können Hinweise darauf sein, dass ein Kind Unterstützung braucht.

Wichtig ist dabei vor allem, zuzuhören. Nicht sofort Lösungen zu präsentieren. Nicht alles zu erklären. Nicht jede Sorge kleinzureden, sondern Fragen zu stellen.

„Wie geht es dir wirklich?“

„Was beschäftigt dich gerade?“

„Wie kann ich dir helfen?“

Und wenn das Gefühl bleibt, dass etwas nicht stimmt, darf man Hilfe suchen. Nicht erst, wenn alles zusammenbricht. Nicht erst, wenn eine Krise da ist. Je früher Unterstützung möglich ist, desto besser.

 

Wenn es einem selbst nicht gut geht

Dieser Abschnitt ist mir mindestens genauso wichtig. Denn viele Menschen erkennen Belastungen bei anderen schneller als bei sich selbst.

 

Du musst nicht erst am Ende sein

Oft reden wir uns ein, dass es schon wieder besser wird. Dass andere größere Probleme haben. Dass wir uns nicht so anstellen sollen. Genau deshalb möchte ich etwas sagen, das ich selbst früher hätte hören müssen:

Du musst nicht erst völlig am Ende sein, um Hilfe zu verdienen. Wenn du merkst, dass du seit Wochen traurig bist, ständig erschöpft bist, dich zurückziehst oder nur noch funktionierst, dann nimm dieses Gefühl ernst.

Du musst niemandem beweisen, dass es dir schlecht genug geht.

Du musst nicht warten, bis gar nichts mehr geht.

Und du musst es vor allem nicht alleine schaffen.

 

Der erste Schritt

Sprich mit jemandem - mit Freunden, mit deinem Partner, mit einem Familienmitglied, mit deinem Hausarzt.

Der erste Schritt muss nicht perfekt sein. Er muss nur ein erster Schritt sein!

Auch heute sind Therapieplätze oft schwer zu bekommen. Aber es gibt Beratungsstellen, psychotherapeutische Sprechstunden, Krisendienste und Menschen, die unterstützen können. Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche.

Manchmal ist es einer der mutigsten Schritte überhaupt.

 

Was ich meinem jüngeren Ich heute sagen würde

Wenn ich heute meinem jüngeren Ich begegnen könnte, würde ich sagen:

Du bist nicht zu empfindlich. Du stellst dich nicht an. Und du bist nicht allein.

So wie du dich heute fühlst, wirst du dich nicht für immer fühlen. Heute weiß ich, dass Veränderung möglich ist. Und genau deshalb ist es so wichtig, früh darüber zu sprechen – bei unseren Kindern und bei uns selbst.

Denn psychische Gesundheit verdient dieselbe Aufmerksamkeit wie körperliche Gesundheit.

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